Wenn der Bauernhof ruft
4. marzo 2022

Wenn der Bauernhof ruft

Anna Zehentner ist als Hofberaterin zwischen Watzmann und Zugspitze im Einsatz 

Piding: Ein Alltag zwischen Büro und Bauernhöfen, geprägt von Kontrollen und Kommunikation: Agraringenieurin Anna Zehentner (28) ist eine der fünf Hofberater der Molkerei Berchtesgadener Land. Ein Blick auf ihren Arbeitstag zeigt, was den männerdominierten Beruf „Hof- oder Erzeugerberater:in“ zur zentralen Schnittstelle zwischen den Landwirt:innen und der Molkerei macht.

Das grasgrüne wie in Milch getauchte Auto parkt direkt am Hof zwischen Stall und bayerischem Bauernhaus. Anna Zehentner schaltet den Motor aus, schnallt sich ab. Die junge Frau nimmt das Tablet vom Beifahrersitz, schaut kurz drauf und dann lange über die gesamte Hofeinfahrt. Die 28-Jährige greift zur Türklinke, zögert einen Moment, schaut nochmal beim Seitenfenster nach unten und steigt aus. „Wohl kein Hofhund“, beruhigt sie sich lächelnd und streift sich mit der linken Hand eine braune Locke hinters Ohr. Kein Hund, aber auch kein Mensch kommt ihr entgegen. Sie geht in den Stall. Die Kühe begrüßen Anna mit einem lauten Muh. Sie geht zurück, auf das mit roten Geranien behängte Bauernhaus zu. Da kommt ihr der Hausherr schon entgegen. Ein kurzes „Grias di“ zum Gruß. Gesehen haben sie sich noch nie, geduzt wird trotzdem.

 

Austausch auf Augenhöhe mit der Agraringenieurin

Gemeinsam mit ihren vier Kollegen betreut Anna Zehntner als einzige Frau die 1.800 Genossenschaftslandwirte der Molkerei Berchtesgadener Land. Die Höfe der Bauernfamilien liegen in der Alpenregion zwischen Watzmann und Zugspitze und bestimmen so das Einsatzgebiet der Hofberater. Dabei ist die Region nicht in Zuständigkeitsbereiche aufgeteilt – ganz im Gegenteil. Denn neben Beratungsbesuchen, bei denen die Landwirtebetreuer:innen Tipps zum Stallneu- oder umbau, zur Haltung der Kühe, Einsatz neuer Maschinen oder dem Hygieneplan in der Milchkammer geben, machen sie auch unangemeldete Kontrollbesuche. „Und da soll natürlich nicht immer der Gleiche kommen“, erklärt Anna mit einem offenen Lächeln. Objektivität sichert Qualität. Und die Qualität der Milch zu sichern ist eine der zentralen Aufgaben eines Hof- oder Erzeugerberaters. Muss im Stall, in der Milchkammer oder beim Weidemanagement nachjustiert werden, setzt die Molkerei-Mitarbeiterin den Bauern:Bäuerinnen eine Frist und überprüft beim nächsten Besuch die Umsetzung der angeordneten Maßnahmen. Erinnert ein bisschen an Kontrollen durch das Gesundheitsamt. Anna lacht: „Ja, so ungefähr, aber wir sind meistens gern gesehen.“ Denn der direkte Austausch mit den Bauernfamilien, beraten und fachlich helfen können, bereitet der studierten Agraringenieurin am meisten Freude in ihrem Berufsalltag. „Und das bei uns dahoam“, freut sich Anna Zehentner, die vom Waginger See stammt, über eine Anstellung in der Molkerei ihrer Heimatregion. Schließlich hat der Beruf Hofberater:in Seltenheitswert.

 

Manche mögen es heiß, Kühe nicht

„Macht‘s ihr mal wieder a Weideseminar? Vor allem wie des mit Melkroboter und Weide am besten zusammengeht, wär‘ mal interessant“, meint der Landwirt. Anna nickt, tippt sich eine Notiz ins Tablet und verspricht das Thema in die Molkerei mitzunehmen. Die beiden sind an der Weide angekommen. Da sieht Anna keine einzige Kuh, aber auf den ersten Blick, dass alles passt. Wiesen so grün wie Annas Poloshirt. Die einzige Kuh prangt auf dessen Logo. Anna setzt am Tablet einen digitalen Haken hinter Weidegang. „Der Weg vom Stall zur Weide ist frisch niedergetrampelt. Die Weide eingezäunt und der Boden mit Trittspuren“, analysiert sie. Die Kühe sind also regelmäßig auf der Weide. Der Landwirt der Molkerei Berchtesgadener Land bekommt die „Weideprämie“ zu Recht. Mehr Tierwohl durch mehr freie Bewegung auf der Weide vergütet die oberbayerische Genossenschaftsmolkerei mit 1,5 Cent pro Liter Milch mehr – und das fürs ganze Jahr. „Und dass die Kühe jetzt im Stall sind, ist grad gut für die Tiere“, erklärt Anna mit einem Kopfnicken Richtung Sonne. Manche mögen es heiß, Kühe nicht. Die Mittagshitze in den bayerischen Alpen verbringen die Wiederkäuer lieber im kühleren Stall. Das weiß die Hofberaterin schon seit Kindertagen. Sie ist am Bauernhof aufgewachsen. Wer täglich Bauern:Bäuerinnen berät, braucht Erfahrung in der Landwirtschaft und eine entsprechende Ausbildung zum Beispiel als  Landwirtschaftsmeister:in. Oder wie Anna Zehentner ein agrarwissenschaftliches Studium.  

Der Landwirt hat noch eine Frage zum neuen Desinfektionsmittel für den Milchtank. Eine erste kurze Antwort gibt es prompt, weitere Details folgen morgen vom Büro aus per Telefon.

 

Luftiger Laufstall und blühende Betonwand

„Ich fahr noch beim Buchnahof von der Familie Mix vorbei – ich hab des Blühwiesenschild no im Auto“, informiert sie ihren Kollegen im Büro telefonisch. Am Hof angekommen begrüßt sie Landwirt Christian Mix direkt beim Auto. „Servus Anna, mogst Dir den neuen Stall anschauen, oder?“ „Eigentlich hab‘ ich euer Schild dabei, aber auf den Stall bin ich a neugierig“, sagt die frisch verheiratete Landwirtebetreuerin. Schließlich standen die fünf Hofberater der Molkerei mit der Bauernfamilie aus Surberg bei Traunstein beim Neubau des Laufstalls immer im regen Austausch. Ein riesiger Laufstall mit hohen Wänden, hellem Holz, zu allen Seiten mit Toren bzw. Curtains zum Öffnen. Ein Laufstall wie ein Ballsaal – nur mit mehr frischer Luft. „Jetzt muss ich hinten aber schnell zu machen“, grinst der Landwirt und geht mit großen Schritten ans andere Ende des Stalls. Er schiebt das Holz-Tor zu und präsentiert mit einladender Geste ein Plakat auf der Innenseite der Holztür. „A, habt‘s die Milchlehrtafel für den nächsten Klassenbesuch schon aufgehängt? Des is ja super“, freut sich Anna, grinst und bückt sich kurz runter, um „Sternei“, eine der rund 40 braun-weißen Kühe zu streicheln.

Das neue Schild für die Blühwiese will auch Bäuerin Renate Mix in Empfang nehmen. Als gelernte Floristin ist sie die Blumenbeauftragte am Hofe Mix. In ihrem Bauerngarten blüht es üppig: Weiße Pfingstrosen, rote und gelbe Lupinen, rosa Phlox und apricot-farbene Rosen leuchten vor dem alten Bauernhaus. Die Blühsamenmischung der Molkerei hat sie etwas unterhalb des neuen Stalls ausgestreut. „Dann blüht da auch was, des freut uns und die Insekten – und die Betonwand ist damit auch gleich begrünt“, meint die Bäuerin. Bevor Anna wieder in die Molkerei fährt, nimmt sie sich noch Zeit für ein kurzes Gespräch mit dem Senior des Hofes. Er freut sich über einen netten Plausch und einen neuen Meterstab.

Morgen plant Anna einen ganzen Tag im Büro. Telefonbereitschaft für die Fragen der Bauern und Recherche für die „Landwirtschaftsbroschüre“ der Molkerei. Darin soll ein authentisches Bild über die in der Alpenregion typische Landwirtschaft vermittelt werden – und wer könnte das besser darstellen als Anna, die Hofberaterin.

 

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Bildtext:
(1) Anna Zehentner ist eine von 5 Hofberater:innen bei der Molkerei Berchtesgadener Land. 

Bilder stehen unter Pressebilder zum Download zur Verfügung.

Bildquelle: Molkerei Berchtesgadener Land

bsh

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