90 Jahre biologisch-dynamische Landwirtschaft. Am Sonntag, 23. August 2026, feierte die Familie Ackermann dieses besondere Jubiläum mit rund 250 Gästen auf dem Hof Kasten in Unterreit bei Gars am Inn. Im Mittelpunkt standen die Geschichte des Hofes, die Entwicklung der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise über drei Generationen und der Blick auf ihre Bedeutung für die Zukunft von Landwirtschaft und Molkerei. Zu den Gästen und Rednern gehörten Ute Rönnebeck, Bundesvorständin des Demeter-Verbandes e. V., sowie Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land.
90 Jahre biologisch-dynamische Landwirtschaft – und 631 Jahre Hofgeschichte
Hof Kasten wurde erstmals 1395 urkundlich erwähnt. Die Geschichte des Hofes reicht damit mehr als sechs Jahrhunderte zurück. Der Hof gehörte anfangs zum Augustinerchorherrenstift Kloster Gars, ab 1758 zum Bistum Salzburg. Im Rahmen der 1803 stattgefundenen Säkularisierung wurde das Kloster aufgelöst und der Lehenshof ging als Viertelhof in Privatbesitz über. Die Verbindung zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft entstand dann in den 1920er-Jahren: Die Großeltern von Michael Ackermann, Gertrud und Adolf Stickforth, erwarben den Hof. Über die Verbindung zu Graf Keyserlingk, auf dessen Gut der Landwirtschaftliche Kurs von Rudolf Steiner zur biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise im schlesischen Koberwitz stattgefunden hatte, kam der biologisch-dynamische Impuls nach Kasten. Seit 1936 bewirtschaftet die Familie den Hof nach den biologisch-dynamischen Richtlinien. Damit steht Hof Kasten für eine außergewöhnliche Kontinuität. Über Krieg, Nachkriegszeit, wirtschaftliche Veränderungen und den Strukturwandel hinweg wurde die Wirtschaftsweise über Generationen weitergeführt. Heute wird der Hof von Michael und Annette Ackermann bewirtschaftet.
„Wir haben einzig und allein die Verantwortung, den Hof so zu erhalten, dass er weiterhin lebensfähig ist. Nichts anderes ist unsere Aufgabe“, betonte Michael Ackermann in seiner Begrüßung. Ein wichtiger Bestandteil dieser Verantwortung sei die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Ehrfurcht, Demut und Dankbarkeit seien dabei für ihn zentrale Werte: gegenüber der Schöpfung, gegenüber dem Hof und gegenüber den Generationen, die ihn vor ihnen bewirtschaftet und erhalten haben.
Ältester Demeter-Hof in Bayern
Ute Rönnebeck, Vorständin des Demeter e.V. würdigte die Geschichte von Hof Kasten als Teil der Geschichte der biologisch-dynamischen Bewegung. „90 Jahre von insgesamt gut 100 Jahren biologisch-dynamischer Geschichte – das ist eine kaum vorstellbare Kontinuität“, sagte Rönnebeck. Hof Kasten sei der älteste durchgehend biologisch-dynamisch bewirtschaftete Betrieb Bayerns. Das Besondere liege dabei nicht allein in der historischen Dauer, sondern darin, dass mehrere Generationen sich immer wieder dafür entschieden hätten, diesen Weg weiterzugehen. Dabei sei die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise mehr als eine historische Tradition. Sie betrachte Boden, Pflanzen, Tiere, Menschen und Landschaft als zusammenhängenden Hoforganismus. Bodenfruchtbarkeit, Humusaufbau, geschlossene Kreisläufe, standortangepasste Tierhaltung, Vielfalt und langfristiges Denken seien Grundgedanken, die heute aktueller denn je seien. „Tradition bedeutet: Zu wissen, aus welchem Impuls man kommt – und aus diesem Impuls heraus immer wieder neu zu entscheiden, was jetzt notwendig ist.“, so Rönnebeck.
Kühe als Teil eines lebendigen Kreislaufs
Eine besondere Rolle nahm in der Ansprache die Kuh ein. Auf Hof Kasten gehören Grünland, Kühe, Milch, Acker und Wald zusammen. Die Kühe verwerten Gras und Klee, geben mit ihrem Mist Fruchtbarkeit an den Boden zurück und tragen durch die Beweidung zum Erhalt der Kulturlandschaft bei. „Kühe sind coole Viecher“, sagt Michael Ackermann gerne. Für Rönnebeck steckt hinter diesem Satz eine grundsätzliche Haltung: Kühe verbinden Boden, Pflanzen, Tiere und Menschen in einem landwirtschaftlichen Kreislauf und geben dem bäuerlichen Alltag einen Rhythmus, der sich nicht beliebig beschleunigen lässt.
Demeter ist unser 7er BMW
Auch Bernhard Pointner, Geschäftsführer der Molkereigenossenschaft Berchtesgadener Land, gratulierte der Familie zum Jubiläum und stellte die langjährige Verbindung zwischen Hof Kasten und der Molkerei heraus. „Bio ist unser 7er BMW, wir verkaufen zwar mengenmäßig mehr Dreier und Fünfer, imageprägend ist aber der 7er – auf den wir sehr stolz sind.“ Bereits 1973 wurde erstmals Biomilch in der damaligen Chiemgau-Molkerei in Truchtlaching verarbeitet. Die damals erfassten 200 Liter Milch stammten von drei Betrieben, darunter der Hof von Lilly und Reinhard Ackermann. 1974 trat die Molkerei dem Demeter-Verband bei und fusionierte 1976 mit der Molkereigenossenschaft in Piding. Heute ist Bio ein fester Bestandteil der Molkerei Berchtesgadener Land. Mehr als ein Drittel der Milch wird in Demeter- und Naturland-Qualität verarbeitet. Pointner verwies dabei auf gemeinsame Grund-sätze wie gentechnikfreie Fütterung, Nachhaltigkeit, den Verzicht auf Totalherbizide, den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen und die Förderung des Tierwohls. Sie gelten heute nicht nur für die rund 500 Biobetriebe, sondern für alle 1.500 Mitglieder der Genossenschaft. „Nicht auf Verschleiß fahren, sondern Substanz bewahren und in Generationen denken“, formulierte Pointner als einen zentralen Gedanken, der sowohl die Landwirtschaft als auch eine Genossenschaftsmolkerei verbinde. Die Familie Ackermann stehe dabei stellvertretend für viele Bauernfamilien, die ihre Höfe durch schwierige Zeiten getragen und sich verändert hätten, ohne ihre Überzeugungen aufzugeben.
Vom Hof in die Gemeinschaft
Die Geschichte von Hof Kasten ist eng mit dem Engagement der Familie für die biologisch-dynamische Bewegung verbunden. Der ältere Bruder Jochen Ackermann hatte in Verbandsgremien und Arbeitsgruppen bei Demeter, aber auch im Vorstand und Aufsichtsrat der Molkerei wichtige Ehrenämter bekleidet. Er verstarb 2009 bei einem tragischen Bergunglück gemeinsam mit Demeterberater Andreas Amberger am Hochkalter. Seither engagiert sich Michael Ackermann in verschiedenen Gremien, unter anderem in der Arbeitsgemeinschaft Chiemgau, im Erzeugerring, in der Biodynamischen Vereinigung und im Landesverband Bayern. Rönnebeck würdigte ihn als Brückenbauer zwischen dem praktischen Blick des Bauern und den Aufgaben des Verbandes. Zugleich hob sie die Rolle von Annette Ackermann hervor, die als Quereinsteigerin in die Landwirtschaft gekommen ist und heute in zahlreichen Bereichen des Hoflebens Verantwortung übernimmt. „Deshalb gilt der Dank heute ausdrücklich Euch beiden“, sagte Rönnebeck und betonte, dass ein Hof mit einer solchen Geschichte niemals von einem Menschen allein getragen werde.
Geschichte zum Anfassen
Nach dem Frühschoppen konnten die Gäste den Hof und seine Landwirtschaft aus nächster Nähe erleben. Besichtigt wurden die Stallungen, die Kühe auf der Weide und der Bauernhof. In der historischen Tenne präsentierte Cousin Prof. Dr. Clemens Albrecht eine Ausstellung mit historischen Daten, Fakten und Bildern zur Hofgeschichte. Michael Ackermann informierte an der hofeigenen Urnenkapelle über weitere Anekdoten und Hintergründe aus der Familiengeschichte. Damit wurde das Jubiläum nicht nur zu einem Rückblick auf 90 Jahre biologisch-dynamische Wirtschaftsweise, sondern auch zu einer Begegnung mit einem Hof, dessen Geschichte über Generationen hinweg von Landwirtschaft, Familie, Verantwortung und Verbundenheit geprägt ist.
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Da Kuah auf da Spur - Molkerei Berchtesgadener Land
Folge 1: BIO Muhvieh Stars - Familie Ackermann
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